Blickkontakte

Re-enactments von Marina Abramovics Performance „The artist is present“

Im März 2010 war ich nach New York gereist, um mir die Personalausstellung der international bekannten Performancekünstlerin Marina Abramovic im MoMa anzusehen und um an der für das Publikum offenen Aktion „The artist is present“ teilzunehmen.
Nach einem missglückten Versuch der Künstlerin gegenüber zu sitzen – ich hatte mich zu spät in die Reihe der Wartenden gestellt – hatte ich dann Ostersonntag 2010 Glück. Ich war zur Eröffnung des Museums frühmorgens eine der Ersten, die sich Marina Abramovic gegenüber setzen konnten.
Mittlerweile ist viel Rummel um diese Dauerperformance im MoMa und die Künstlerin gemacht worden. Es gibt einen Film über die Vorbereitung und die Durchführung ihrer dreimonatigen Performance, deren Inhalt darin bestand, täglich, während der gesamten Museumsöffnungszeit bewegungslos auf einem Stuhl – anfänglich noch mit einem Tisch dazwischen – sitzend, Ausstellungsbesucher zu empfangen, denen sie stumm in die Augen blickt. Der Titel der Personalausstellung „The artist is present“ wurde durch diese long duration performance in ein lebendiges Setting umgewandelt und dadurch im wahrsten Sinne des Wortes wahr.
Auch wenn heute die Kommerzialisierung der Personalausstellung von Abramovic und ihre Aktion in PerformerInnenkreisen umstritten ist, darf man die Kraft und die Ausdauer, welche diese über 700 Stunden lange Performance von der Künstlerin forderten, keinesfalls unterschätzen.
Bei meinem Zusammentreffen mit Marina Abramovic am Ostermorgen 2010 schauten wir uns knapp 3 Stunden in die Augen. Ich stand eigentlich nur auf, weil ich auch den anderen Menschen in der Wartereihe die Gelegenheit zu diesem Schauerlebnis geben wollte. Ich wäre sehr gern länger sitzen geblieben. Erst hinterher erfuhr ich, dass manche Menschen ihr einen ganzen Tag gegenüber gesessen haben.

Bewegt, voller ganz unterschiedlicher sinnlicher Eindrücke kehrte ich nach diesem Blickereignis nach Deutschland zurück. Ich erzählte meinen Performancekolleginnen von meinen Erlebnissen und Gedanken angesichts der Augenperformance mit Abramovic und wir beschlossen in der Gruppe, selbst einmal auszuprobieren, was es heißt, einem anderen Menschen sehr lange Zeit in die Augen zu schauen.

Wir trafen uns körperlich gut vorbereitet an einem Frühsommervormittag und setzten uns in einem Raum zu je 5 Paaren an einem langen Tisch gegenüber. Keine/r von uns wusste vorher, wem er/sie gegenüber sitzen würde. Wir hatten eine Zeit von 5 Stunden verabredet, in der wir uns schweigend und bewegungslos gegenüber sitzend in die Augen schauen wollten.
Nach langen 5 Stunden, in denen wir sahen und hörten, froren und schwitzten, halluzinierten und fantasierten, die seltsamsten Dinge wahrnahmen und schwere Gliedmaßen bekommen hatten, klingelte ein Handy das Ende der Performance ein. Alle 10 TeilnehmerInnen hatten das Experiment durchgehalten. Die Reaktionen nach Beendigung der 5 stündigen Blickperformance waren unterschiedlich. Einige von uns wunderten sich, dass die Zeit schon vorbei sei. Andere hatten das Ende mit Inbrunst herbeigesehnt. Manche hatten Rücken- und Halswirbelschmerzen, anderen taten die Augen weh. Aber jede/r von uns hatte etwas ganz besonderes erlebt, weil der eigene Körper und der eigene Geist zu Bühnen kleinerer und größerer Wahrnehmungsabenteuer geworden waren. Wir hatten Phasen großer Müdigkeit ebenso durchlebt wie Phasen äußerster Wachheit und Aufmerksamkeit. Wir waren sensibel geworden für die kleinste Veränderung im Gesicht unseres Gegenübers. Wir bemerkten, wenn seine Aufmerksamkeit schwand und wir ihm deshalb eine Art psychische Energie zuführen mussten. Und manchmal verschwamm das Gesicht unserer AugenpartnerInnen. Es bestand dann nur noch aus Augen, die hervorstachen oder unter einer Maske aus mäandernden Farbwirkungen verschwanden. Jedes Geräusch in- und außerhalb des Performancesraums wurde zu einer Sensation, jedes schwebende Staubkorn hinter dem Kopf des Gegenübers zum Protagonisten von Gedanken über Zeit und Dauer.
Nicht nur an jenem Nachmittag sondern noch am nächsten Tag, eine Nacht nach der Performance, fielen uns immer wieder neue Seiten und Nuancen unserer Empfindungen und Gedanken während der 5 stündigen Performance ein. Sie war für die meisten von uns ziemlich anstrengend gewesen, denn sie hatte durch das völlige Ruhigstellen unseres Körpers und durch die Fixierung auf die Augen des Gegenübers unseren Geist voll gefordert. Aber wir waren stolz darauf, die 5 Stunden ausgehalten zu haben und wunderten uns um so mehr darüber wie es Marina Abramovic möglich gewesen sein konnte, sich Tag für Tag dieser physischen wie psychischen Herausforderung zu stellen.
Nachdem wir erfahren hatten, wie es sich anfühlt, wenn man 5 Stunden lang einer einzigen Person in die Augen schaut, fragten wir uns wie es sei, wenn man die gegenüber sitzende Person häufiger wechselt.

Also schauten wir in einer zweiten Aktion unserem Gegenüber jeweils nur eine Stunde in die Augen und rückten dann zur nächsten Person weiter. Auch diese Aktion dauerte 5 Stunden. Die Erfahrungen, die wir in dieser Performance machten, unterschieden sich deutlich von denen unserer ersten Performance. Einige der Teilnehmerinnen hätten ihren Augen-Partnerinnen gern länger gegenüber gesessen. Das heißt, eine Stunde wurde von einigen als zu kurz empfunden, um die gegenüber sitzende Person umfassend ergründen zu können. Auch stellten wir fest, dass dieser häufigere Wechsel der AugenpartnerInnen anstrengender ist als das lange Verharren bei einer Person.

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Ein drittes Experiment starteten Kristin Klein und ich im April 2012 während einer Ausstellung der TU Kunstpädagogikstudierenden im Dresdner Kultusministerium. Wir hatten uns vorgenommen 7 Stunden bewegungslos im gegenseitigen Blickkontakt auszuharren. Körperlich gut vorbereitet trafen wir mit Öffnung des Kultusministeriums frühmorgens ein. Zwei bequeme Stühle standen sich gegenüber und ein Tisch trennte uns. Vor dem Tisch lag eine Beschreibung der Performance „The artist is present“ von Marina Abramovic sowie eine Erläuterung des Begriffs Re-enactment. Reenactment bedeutet die wiederholte Aufführung einer schon einmal präsentierten Performance oder eines aufgeführten Ereignisses.
Von den BesucherInnen des Kultusministeriums komisch betrachtet, von einem Reporter der BILD unfreiwillig fotografiert und im Blatt des nächsten Tages eigenartig gedeutet, saßen Kristin und ich uns 7 Stunden gegenüber. Wir haben zwar unsere vorgenommene Zeit geschafft, doch diese Performance war sehr anstrengend. Nach gefühlten 5 Stunden wurden die Augenlider schwer, die Zeit lang und das Sitzen zunehmend unbequem. Dennoch versuchten Kristin und ich uns gegenseitig in den kritischen Momenten Energie zu spenden.

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Foto: Holm Röhner

Die Erfahrung dieser 7 stündigen Performance führte uns noch einmal die enorme physische und psychische Leistung vor Augen, mit der Marina Abramovic ihre 3 monatige Performance durchgestanden hat, während der sie 721 Stunden lang ihren wechselnden Gästen bewegungslos gegenüber saß. Marie-Luise Lange

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