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Monthly Archives: April 2012

Performance im Rahmen der Ausstellung „Schwerpunkte und Leichtlinien“ am 20.4.2012 von Katharina Kastl und Franziska Hübner

Katharina

Katharina Kastl

Wie funktioniert Kommunikation? Wenn man sich mit dieser Frage beschäftigt, kommt man nicht an der Einsicht vorbei, dass es bei der Kommunikation zwischen zwei Menschen fast gar nicht um die gesamten Worte geht. So weist Schultz von Thun in seinem Vier-Seiten-Modell der Kommunikation darauf hin, dass in jeder Äußerung immer auch eine Selbstaussage, ein Appell an das Gegenüber und eine Aussage über die Beziehung von Sender und Empfänger inhärent ist. Das bedeutet, dass das, was wir aussprechen, entweder ein Bruchteil, ein Deckmantel oder sogar ein Widerspruch zum eigentlich Gemeinten ist.

Franziska

Franziska Hübner

Also wollten wir uns um eine ehrlichere, offenere Kommunikation bemühen, indem wir auf die Worte verzichteten und unsere Botschaften in Bildern verschlüsselten, die vor allem die Beziehungsebene der Kommunikation deutlich hervorhoben.

Anstatt Worte nutzten wir einen Koffer, mit welchen wir unsere „Botschaften“ sendeten, veränderten und zurücktrugen. So füllte Katharina den Koffer mit Erde aus ihren Stiefeln, trug ihn zu mir, die ihre nackten Füße in die Erde aus dem Koffer pflanzte.

Die Zuschauer wurden Zeugen einer Zwiesprache, die ohne Worte auskam, sich dafür umso beredter Bilder bediente.

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Fotos: Roman Brünig

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Re-enactments von Marina Abramovics Performance „The artist is present“

Im März 2010 war ich nach New York gereist, um mir die Personalausstellung der international bekannten Performancekünstlerin Marina Abramovic im MoMa anzusehen und um an der für das Publikum offenen Aktion „The artist is present“ teilzunehmen.
Nach einem missglückten Versuch der Künstlerin gegenüber zu sitzen – ich hatte mich zu spät in die Reihe der Wartenden gestellt – hatte ich dann Ostersonntag 2010 Glück. Ich war zur Eröffnung des Museums frühmorgens eine der Ersten, die sich Marina Abramovic gegenüber setzen konnten.
Mittlerweile ist viel Rummel um diese Dauerperformance im MoMa und die Künstlerin gemacht worden. Es gibt einen Film über die Vorbereitung und die Durchführung ihrer dreimonatigen Performance, deren Inhalt darin bestand, täglich, während der gesamten Museumsöffnungszeit bewegungslos auf einem Stuhl – anfänglich noch mit einem Tisch dazwischen – sitzend, Ausstellungsbesucher zu empfangen, denen sie stumm in die Augen blickt. Der Titel der Personalausstellung „The artist is present“ wurde durch diese long duration performance in ein lebendiges Setting umgewandelt und dadurch im wahrsten Sinne des Wortes wahr.
Auch wenn heute die Kommerzialisierung der Personalausstellung von Abramovic und ihre Aktion in PerformerInnenkreisen umstritten ist, darf man die Kraft und die Ausdauer, welche diese über 700 Stunden lange Performance von der Künstlerin forderten, keinesfalls unterschätzen.
Bei meinem Zusammentreffen mit Marina Abramovic am Ostermorgen 2010 schauten wir uns knapp 3 Stunden in die Augen. Ich stand eigentlich nur auf, weil ich auch den anderen Menschen in der Wartereihe die Gelegenheit zu diesem Schauerlebnis geben wollte. Ich wäre sehr gern länger sitzen geblieben. Erst hinterher erfuhr ich, dass manche Menschen ihr einen ganzen Tag gegenüber gesessen haben.

Bewegt, voller ganz unterschiedlicher sinnlicher Eindrücke kehrte ich nach diesem Blickereignis nach Deutschland zurück. Ich erzählte meinen Performancekolleginnen von meinen Erlebnissen und Gedanken angesichts der Augenperformance mit Abramovic und wir beschlossen in der Gruppe, selbst einmal auszuprobieren, was es heißt, einem anderen Menschen sehr lange Zeit in die Augen zu schauen.

Wir trafen uns körperlich gut vorbereitet an einem Frühsommervormittag und setzten uns in einem Raum zu je 5 Paaren an einem langen Tisch gegenüber. Keine/r von uns wusste vorher, wem er/sie gegenüber sitzen würde. Wir hatten eine Zeit von 5 Stunden verabredet, in der wir uns schweigend und bewegungslos gegenüber sitzend in die Augen schauen wollten.
Nach langen 5 Stunden, in denen wir sahen und hörten, froren und schwitzten, halluzinierten und fantasierten, die seltsamsten Dinge wahrnahmen und schwere Gliedmaßen bekommen hatten, klingelte ein Handy das Ende der Performance ein. Alle 10 TeilnehmerInnen hatten das Experiment durchgehalten. Die Reaktionen nach Beendigung der 5 stündigen Blickperformance waren unterschiedlich. Einige von uns wunderten sich, dass die Zeit schon vorbei sei. Andere hatten das Ende mit Inbrunst herbeigesehnt. Manche hatten Rücken- und Halswirbelschmerzen, anderen taten die Augen weh. Aber jede/r von uns hatte etwas ganz besonderes erlebt, weil der eigene Körper und der eigene Geist zu Bühnen kleinerer und größerer Wahrnehmungsabenteuer geworden waren. Wir hatten Phasen großer Müdigkeit ebenso durchlebt wie Phasen äußerster Wachheit und Aufmerksamkeit. Wir waren sensibel geworden für die kleinste Veränderung im Gesicht unseres Gegenübers. Wir bemerkten, wenn seine Aufmerksamkeit schwand und wir ihm deshalb eine Art psychische Energie zuführen mussten. Und manchmal verschwamm das Gesicht unserer AugenpartnerInnen. Es bestand dann nur noch aus Augen, die hervorstachen oder unter einer Maske aus mäandernden Farbwirkungen verschwanden. Jedes Geräusch in- und außerhalb des Performancesraums wurde zu einer Sensation, jedes schwebende Staubkorn hinter dem Kopf des Gegenübers zum Protagonisten von Gedanken über Zeit und Dauer.
Nicht nur an jenem Nachmittag sondern noch am nächsten Tag, eine Nacht nach der Performance, fielen uns immer wieder neue Seiten und Nuancen unserer Empfindungen und Gedanken während der 5 stündigen Performance ein. Sie war für die meisten von uns ziemlich anstrengend gewesen, denn sie hatte durch das völlige Ruhigstellen unseres Körpers und durch die Fixierung auf die Augen des Gegenübers unseren Geist voll gefordert. Aber wir waren stolz darauf, die 5 Stunden ausgehalten zu haben und wunderten uns um so mehr darüber wie es Marina Abramovic möglich gewesen sein konnte, sich Tag für Tag dieser physischen wie psychischen Herausforderung zu stellen.
Nachdem wir erfahren hatten, wie es sich anfühlt, wenn man 5 Stunden lang einer einzigen Person in die Augen schaut, fragten wir uns wie es sei, wenn man die gegenüber sitzende Person häufiger wechselt.

Also schauten wir in einer zweiten Aktion unserem Gegenüber jeweils nur eine Stunde in die Augen und rückten dann zur nächsten Person weiter. Auch diese Aktion dauerte 5 Stunden. Die Erfahrungen, die wir in dieser Performance machten, unterschieden sich deutlich von denen unserer ersten Performance. Einige der Teilnehmerinnen hätten ihren Augen-Partnerinnen gern länger gegenüber gesessen. Das heißt, eine Stunde wurde von einigen als zu kurz empfunden, um die gegenüber sitzende Person umfassend ergründen zu können. Auch stellten wir fest, dass dieser häufigere Wechsel der AugenpartnerInnen anstrengender ist als das lange Verharren bei einer Person.

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Ein drittes Experiment starteten Kristin Klein und ich im April 2012 während einer Ausstellung der TU Kunstpädagogikstudierenden im Dresdner Kultusministerium. Wir hatten uns vorgenommen 7 Stunden bewegungslos im gegenseitigen Blickkontakt auszuharren. Körperlich gut vorbereitet trafen wir mit Öffnung des Kultusministeriums frühmorgens ein. Zwei bequeme Stühle standen sich gegenüber und ein Tisch trennte uns. Vor dem Tisch lag eine Beschreibung der Performance „The artist is present“ von Marina Abramovic sowie eine Erläuterung des Begriffs Re-enactment. Reenactment bedeutet die wiederholte Aufführung einer schon einmal präsentierten Performance oder eines aufgeführten Ereignisses.
Von den BesucherInnen des Kultusministeriums komisch betrachtet, von einem Reporter der BILD unfreiwillig fotografiert und im Blatt des nächsten Tages eigenartig gedeutet, saßen Kristin und ich uns 7 Stunden gegenüber. Wir haben zwar unsere vorgenommene Zeit geschafft, doch diese Performance war sehr anstrengend. Nach gefühlten 5 Stunden wurden die Augenlider schwer, die Zeit lang und das Sitzen zunehmend unbequem. Dennoch versuchten Kristin und ich uns gegenseitig in den kritischen Momenten Energie zu spenden.

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Foto: Holm Röhner

Die Erfahrung dieser 7 stündigen Performance führte uns noch einmal die enorme physische und psychische Leistung vor Augen, mit der Marina Abramovic ihre 3 monatige Performance durchgestanden hat, während der sie 721 Stunden lang ihren wechselnden Gästen bewegungslos gegenüber saß. Marie-Luise Lange

Performance im Rahmen der Ausstellung „Schwerpunkte und Leichtlinien“ am 2.4.2012

Kürzungen. Streichungen. Stellenabbau: Das Kultusministerium in Dresden trägt zu einer sächsischen Bildungs- und Kulturpolitik bei, die in dieser Performance auf den Prüfstand gerät.

ReVison besteht aus sieben verschiedenen Teilakten, die nacheinander einsetzen und zeitweilig parallel laufen, sodass sie untereinander komplexe Beziehungen ausbilden. Jede einzelne Performerin setzte sich im Vorfeld mit der Problematik der “Bildung/Kultur als sinkendes Schiff“ auseinander und entwickelte dazu eine Handlung in ihrer eigenen Formsprache.

Zur Vernissage der Ausstellung Schwerpunkte und Leichtlinien des Fachbereichs Kunstpädagogik der TU Dresden fand die Performance am 2.4.2012 zwischen den Ausstellungsexponaten im Atrium des Kultusministeriums statt.

Foto: Sara Burkhardt

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Performerinnen: Maria Lemke, Theresa Bennert, Linda Straumer, Kristin Klein, Carolin Müller, Marie-Luise Lange, Lisa Klotzsche

# Akt 1

Maria liest die Szene der Teerunde beim Hutmacher aus Alice im Wunderland vor. Sie hält dabei selbst eine Tasse in der Hand, die bis zum Rand mit Sirup gefüllt ist. Während sie liest, nimmt sie große Schlucke aus der Tasse; der Sirup quillt ihr beim Sprechen aus dem Mund und verteilt sich über ihre Kleidung und den Boden.

# Akt 2

Rese hatte Besucher und Ministeriumsangestellte im Vorfeld auf ihre Wünsche in den Bereichen Bildung und Kultur hin befragt und diese auf kleinen Zetteln dokumentiert. In ihrer Performance löscht sie – gekleidet wie eine Putzfrau – die gesammelten Begriffe, indem sie die Zettel auf einem Waschbrett über einem Zuber ausbürstet, bis davon nur noch kleine Fetzten übrig sind. Diese werden zum Trocknen säuberlich auf einer Wäscheleine befestigt.

# Akt 3

Linda verschließt winzige Modellfiguren in 100 Umschlägen, die sie zuklebt und anschließend mit einem Stempelabdruck eines leeren Rahmens versieht. Einige Umschläge verteilt sie an Zuschauer.

Foto: Sara Burkhardt

Foto: Sara Burkhardt

# Akt 4

In einem kurzen, schwarzen Kleid und mit mehreren klappernden Nettotüten in beiden Händen tritt Kristin dem Geschehen bei. Sie entleert die Tüten, in denen sich zwei Dutzend Bierflaschen befinden und stellt diese vor sich auf. Mit einem Messer schneidet sie zwei der Tüten an der Unterseite auf und zieht sich diese anstelle des Kleides über. Ihre Lippen bemalt sie übertrieben mit einem grellen Rot. Den Tüten entnimmt sie eine Burger-King-Krone, die sie sich aufsetzt und ein Laib Brot, den sie im Arm hält. Eine der Bierflaschen zerschlägt sie mithilfe eines Hammers in der unteren Hälfte und richtet den zerstörten Rest wie eine Fackel in die Höhe. Sie bleibt eine Minute lang als Mahnmal stehen und verlässt dann den Aktionsort.

# Akt 5

Carolin füllt sieben verschiedene große Einweggläser mit sieben unterschiedlichen Gegenständen, darunter der Hamlet, eine ACDC- Biografie, Bibelzitate, ein Ball und eine feministische Grafik. Anschließend bedeckt sie alle Dinge mit sandähnlichem Paniermehl und verschließt die Gläser. Diese reiht sie in Richtung des Publikums auf.

# Akt 6

Ein mit Wasser gefülltes Aquarium steht verdeckt auf dem Boden des Atriums. Marie-Luise nähert sich diesem mit zwei Tüten in den Händen. Den Tüten entnimmt sie verschiedene in Zeitungspapier gehüllte Objekte und packt diese aus: Brot, Fleisch, farbige Spielzeugsoldaten. Sie schneidet Brot und Fleisch in kleine Teile und befestigt sie genauso wie die kleinen Figuren auf Styroporplatten, die sie auf der Wasseroberfläche im Aquarium schwimmen lässt. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrere Male – auspacken, schneiden, befestigen, schwimmen lassen.
Mit einem Fön erzeugt Marie-Luise Wellen, die die Gegenstände in Bewegung versetzen. Aus einer der Tüten holt sie vier transparente Schläuche, welche sie nacheinander ins Wasser eintaucht. Sie sorgt dafür, dass das Wasser durch die Schläuche aus dem Aquarium rinnt. Es bahnt sich ungehindert seinen Weg durch das Atrium des Kultusministeriums.

# Akt 7

Mit einer elektrischen Zahnbürste verteilt Lisa den Inhalt mehrerer Tuben Zahnpasta nach und nach in die Fugen des gefliesten Atriumbodens. Sie arbeitet die Zahnpasta gewissenhaft ein, bis alle Tuben aufgebraucht sind. Dabei bewegt sie sich kniend durch das Publikum, welches ihr ausweichen muss. Sie hinterlässt eine krustige Spur, die sich mitten durch die Ausstellung zieht und bis zum Ende bestehen bleiben wird.

Foto: Sara Burkhardt

Foto: Sara Burkhardt

Autorin: Kristin Klein